16.01.2020 | Kinostart Lindenberg! Mach dein Ding

“Ich dachte bisher immer, ich sei konkurrenzfrei“

Fast jeder Deutsche kennt Udo Lindenberg – aber wer kennt seine Vergangenheit? Genau hier kommt Hermine Huntgeburths Biopic „Lindenberg! Mach dein Ding" ins Spiel, das seit dem 16. Januar im Kino läuft. Darin zeichnet sie mit einem großartigen Jan Bülow in der Hauptrolle die Zeit bis zu seinem ersten großen Auftritt 1972 in Hamburg nach. Wir haben uns mit der Hamburger Regisseurin und Jan Bülow zum Interview getroffen und übers Rauchen am Set, verhinderte Rockstars und die Vorbereitung auf den Film gesprochen.

1. Wie hast du dich auf deine Rolle vorbereitet?

Jan Bülow: Ich habe viel mit Hermine gesprochen und mich mit Udo getroffen – und mir auch eine Menge Videomaterial angeschaut. Irgendwann fangen jedoch die Dreharbeiten an und dann schiebt man viel von der Vorbereitung wieder beiseite. Wenn man während des Drehs immer daran denkt, was Udo jetzt tun würde, würde man wahrscheinlich nie so richtig in die Rolle reinkommen. Für mich war es glaube ich wirklich entscheidend, ihn vor den Dreharbeiten zu treffen und kennenzulernen. Es ist wichtiger zu verstehen, warum er etwas macht oder getan hat, als ihn perfekt kopieren zu können. Es gab auch jemanden, der mit mir Körpertraining gemacht hat. Da ging es jedoch nicht so sehr darum, Udos Bewegungen eins zu eins zu kopieren, als vielmehr einen gewissen Modus in den Körper zu bringen.

Hermine Huntgeburth und Jan Bülow beim Interviewtermin im Hotel Atlantic Hamburg

2. Du hast viele der Songs selbst gesungen und im Studio neu aufgenommen. Wie war es für dich, in einem Musikfilm mitzuspielen?

Jan Bülow: Ich war vorher schon ein riesiger Fan von Musikfilmen – einer meiner Lieblingsfilme ist „The Commitments". Und ich fand es schon immer Schade, dass es nichts Vergleichbares im deutschsprachigen Raum gibt. Ein cooler Film über Rock'n'Roll Musik mit wilden Partys, Alkohol und allem, was dazugehört. Es macht einfach Spaß, sich sowas anzuschauen. Und in einer Schülerband hab ich damals auch gespielt. Gerade bei der letzten Konzertszene ging ein kleiner Jugendtraum für mich in Erfüllung. Ich glaube auch, dass jeder Theaterschauspieler ein verhinderter Rockstar ist. Sie stehen zwar auf der Bühne, haben aber nicht diese Macht, die eine Rockband hat – 90.000 Menschen mit einer Bewegung zum Schreien zu bringen.

Udo Lindenberg (Jan Bülow) bei seinem ersten Auftritt mit eigener Band

3. Im Film rauchst du eine Zigarette nach der anderen. Hast du im Privatleben auch geraucht oder dir das für die Rolle „antrainiert".

Jan Bülow: Ich hab vor dem Film nur sehr wenig geraucht. Es gibt aber zum Glück Kräuterzigaretten, die nicht abhängig machen, dafür aber fürchterlich stinken. Ich habe also immer mal hin und hergewechselt.

4. Und wie war die Zusammenarbeit mit Hermine für dich?

Jan Bülow: Wir haben sehr schnell verstanden, was der jeweils andere will. Ich hatte mit ihr eine Konversationsebene gefunden, die teilweise auch einfach nonverbal ablief. Und wenn die Kommunikation klappt, ist das Arbeiten in der Regel sehr angenehm – das war bei mir auch beim Theater schon immer so. Ich hab Hermine ab einem gewissen Punkt blind vertraut.

5. Wie seid ihr auf Jan gekommen für die Rolle des jungen Udo?

Hermine Huntgeburth: Ich hab das Casting mit Simone Bär aus Berlin gemacht. Es war gar nicht so einfach, die Rolle zu besetzten. Wir wussten, dass der Darsteller eine Art Rockstar-Gen brauchte, um Udo zu verkörpern. Gleichzeitig musste er komödiantisches Talent haben und berühren können. Außerdem durfte der Darsteller nicht zu reif sein. Denn der junge Udo hat etwas Intuitives und Unabgeklärtes. Es war dann im Castingprozess jedoch relativ schnell klar, dass Jan der Richtige für die Rolle ist.

Jan Bülow: Für mich war der Dreh wirklich ein Leckerbissen, da wir auch mit so viel abgefahrenem Zeug gedreht haben. Wir hatten zum Beispiel Fisheye-Objektive und spezielle Maschinen für die LSD-Szenen. Und der Dreh in Marokko war großartig – das macht man nicht jeden Tag.

Udo und Plattenboss Mattheisen (Detlev Buck)

6. Wie habt ihr das Hamburg der 70er nachgebaut?

Hermine Huntgeburth: Wir haben viel im Nachgang mit VFX-Effekten gemacht. Auf der Reeperbahn kann man an bestimmten Tagen drehen. Wir haben dann allerdings nur auf Augenhöhe gedreht, da wirklich alles mit Graffitis und Aufklebern tapeziert ist. Der historische Anstrich kam dann in der Postproduktion. Der Silbersack sieht jedoch tatsächlich noch genauso aus wie früher – und auch die Straße daneben hat sich kaum verändert. Wir haben uns also alles zusammengesucht. Auch das „Onkel Pö" gab es nicht mehr, wir mussten auch hier etwas tricksen. Es ist ein großer Ausstattungsfilm. Man muss für so etwas hervorragende Leute wie Sabine Böbbis oder Bettina Schmidt haben.

Jan Bülow: Auch die Kostüme waren genial – extrem detailliert! Und das Onkel Pö wurde so nachgebaut, dass Zeitzeugen am Set sich in die 70er Jahre zurückversetzt gefühlt haben.

Hermine Huntgeburth: Astrid Weber und Hannah Fischleder haben großartige Arbeit mit dem Maskenbild geleistet. Sie mussten bei Jan eine Altersspanne von 15 bis 27 Jahren hinbekommen. Sehr wichtig war auch die Kamera von Sebastian Edschmid, bei der wir versucht haben, die Form der Fotografie von damals nachzuempfinden, aber gleichzeitig nicht zu ikonisch zu sein.

7. Was hat Udo Lindenberg zu dem Film gesagt, als er ihn gesehen hat?

Hermine Huntgeburth: Ich hab ihn zweimal mit ihm gesehen – und ihm gefällt er sehr sehr gut. Auch die Menschen um ihn herum waren sehr begeistert. Er ist ja auch ein Künstler der weiß, was es bedeutet, ein Produkt zu schaffen. Da hat er mir schon vor den Dreharbeiten volles Vertrauen gegeben. Es gab überhaupt keine Art von Kontrolle.

Jan Bülow: Nachdem ich mich mit Udo getroffen hatte, hat er mir auch sehr schnell seinen Segen gegeben für die Rolle. Man hat gemerkt, dass er mir vertraut und denkt, dass ich ihn verstehe. Er hat mir auch keine Tipps gegeben, sondern sich rausgehalten. Am Set ist er zweimal vorbeigekommen, um „Hallo" zu sagen – incognito mit Kapuze und angeklebtem Schnurrbart. Als wir im Studio einige der Songs neu aufgenommen hatten, hat er ebenfalls mal vorbeigeschaut.

Hermine Huntgeburth: Als wir die Songs mit seinen Produzenten im Studio aufgenommen hatten, war er so begeistert, dass er im Studio angefangen hat zu tanzen.

Jan Bülow: Er sagte dann zu mir: „Ich dachte bisher immer, ich sei konkurrenzfrei". (lacht)

Filmstills: Letterbox/DCM/Gordon Timpen
Hotelfoto: FFHSH/Daniel Szewczyk