"Pelikanblut" läuft seit dem 24. September in den deutschen Kinos
30.09.2020 | Kinostart "Pelikanblut"

Wo kommt das Böse her?

Mit "Pelikanblut" präsentiert das Hamburger Erfolgsduo hinter „Tore tanzt" seinen neuen Film: Regisseurin und Drehbuchautorin Katrin Gebbe und Produzentin Verena Gräfe-Höft servieren dem Publikum auch dieses Mal keine leichte Kost: Ein Mix aus Drama, Psychothriller und Horrorfilm mit einer grandiosen Nina Hoss in der Hauptrolle und einer kleinen Hauptdarstellerin, die einem noch lange im Gedächtnis bleibt. Wir haben mit Gebbe über das Kindercasting und den Weg zur Geschichte gesprochen.

Wie bist du zu der Story gekommen?

Katrin Gebbe: Ich habe mich seit meinem Film Tore tanzt immer gefragt, wo das „Böse" in einigen Menschen herkommt. Was haben zum Beispiel Psychopathen für eine Kindheit? Gibt es da ein Muster? Kann man das überhaupt wieder ändern? Ich habe dann eine Doku mit dem Titel „Child of Rage" gesehen. Ein Interview mit einem fünfjährigen Mädchen, das adoptiert wurde und emotional quasi taub war. Zur gleichen Zeit kam meine „Tore tanzt"-Produzentin Verena Gräfe-Höft zu mir und erzählte von einem Zeitungsartikel über einen Jungen, der seine Adoptiveltern ebenfalls ganz schön in Schach hielt. Wir fanden das Thema dann beide total spannend und hatten Lust, dazu was zu machen.

Je mehr wir recherchierten, desto mehr merkten wir, dass die Mutter die Person ist, die die Entscheidungen trifft und am meisten in diesem Dilemma gefangen ist. Oft bleibt auch nur die Mutter übrig, da die Männer die Beziehung verlassen. Wir haben dann Leute getroffen, die eben wirklich in solchen Situationen stecken und an ihre physischen und psychischen Grenzen kommen. Diese Menschen stehen dann oft irgendwann ganz allein da.

Wiebke (Nina Hoss) versucht die kleine Raya (Katerina Lipovska) zu integrieren.

Du hast mit deiner Produzentin Verena Gräfe Höft von Junafilm auch schon „Tore tanzt" zusammen gemacht. Gibt es Elemente, die sich in beiden Filmen wiederfinden?

Katrin Gebbe: Die gibt es, das wurde mir aber erst im Laufe der Drehbuchentwicklung klar. "Pelikanblut" spricht ganz stark das Thema „Glaube" an: Beide Filme zeigen Protagonisten, die radikal für ihre Überzeugung kämpfen, auch im Angesicht des Scheiterns. Gleichzeitig hinterfragen die Filme diesen Idealismus aber auch. Vielleicht ist das auch ein persönliches Dilemma, das ich immer wieder aufarbeiten muss. (lacht) Mich fasziniert das Thema jedenfalls sehr.

Die Story

Wiebke (45) lebt zusammen mit ihrer Adoptivtochter Nikolina (9) auf einem idyllischen Reiterhof. Nach vielen Jahren des Wartens, bekommt sie nun die Chance ein weiteres Mädchen, Raya (5), aus Bulgarien zu adoptieren. Nikolina freut sich sehr über das lang-ersehnte Geschwisterchen. Die ersten gemeinsamen Wochen als Familie verlaufen harmonisch und die frischgebackenen Geschwister verstehen sich prächtig. Aber schon bald merkt Wiebke, dass die – anfänglich charmante Raya – etwas verbirgt. Sie wird immer aggressiver und stellt eine zunehmende Gefahr für sich und andere dar.

Trailer "Pelikanblut"

Hattet ihr Nina Hoss sofort im Kopf für die Rolle?

Katrin Gebbe: Eigentlich hatten wir sie für ein anderes Projekt auf dem Schirm. Das Projekt habe ich jedoch irgendwann nicht weiterverfolgt. Und für Pelikanblut brauchten wir eine starke Schauspielerin mit großer Qualität, der man den Weg, den sie im Film geht, auch abkauft. Wir haben ihrer Agentin dann das Buch zugeschickt – und einen Tag später kam die Rückmeldung, dass Nina sich mit uns treffen will. Sie konnte sich sehr mit der Figur identifizieren und konnte die Geschichte nicht mehr aus der Hand legen.

Regisseurin Katrin Gebbe feierte mit "Pelikanblut" ihre Deutschlandpremiere beim Filmfest Hamburg 2019

Wie seid ihr zu der kleinen Hauptdarstellerin Katerina Lipovska gekommen?

Katrin Gebbe: Für mich war es wichtig, dass unsere Darstellerin tatsächlich bulgarisch spricht. Wir hatten eine tolle Casterin in Sofia und haben uns dann viele Kinder angeschaut und schnell gemerkt, dass Schulkinder für die Rolle nicht mehr in Frage kommen, da sie sich viel zu erwachsen verhalten und auch das niedliche Kindchenschema nicht mehr erfüllen. Bei den Kindergartenkindern wiederum war die fehlende Konzentration ein Problem – außerdem konnten sie die Rolle nur schwer von sich selbst separieren. Dann gab es aber ein Kind, und zwar Kati, die mit lauter Faxen auf ihrem Bürostuhl herumzappelte. Sie war sehr selbstbewusst, frech und hatte überhaupt keine Hemmungen. Ihre Mutter war außerdem Kindercoach und Kati stand schon mehrmals auf der Bühne und vor Publikum. Sie war dann auch die einzige, die die gewalttätigen Ausbrüche und das Düstere spielen konnte und dabei irgendwie immer noch eine süße und niedliche Art hatte.

Im Laufe der Zeit wird es für Wiebke immer schwerer Raya im Zaum zu halten

Wie muss man sich so ein Kindercasting vorstellen?

Man fängt erstmal ganz klein an. Ich hab den Kindern zuerst Fragen gestellt und geguckt, wie sie sich vor der Kamera bewegen und was sie sagen. Dann ging es mit Improvisationen weiter – und zum Schluss wurden dann einzelne Szenen gespielt - erst auf bulgarisch und dann auf deutsch. Da konnte ich dann schnell sehen, wer sich Sätze merken kann und in seiner Rolle bleibt. Vor Drehbeginn war dann viel Vorbereitung notwendig, und es gab auch den Moment, ab dem ich die Kinder-Szenen und -Dialoge nicht mehr ändern durfte, damit sie genug Zeit hatten, sie zu lernen.

Setvisit in Bulgarien mit u.a. Verena Gräfe-Höft (1.v.l.)

Du wohnst in Hamburg – hast du einen Hamburger Lieblingsfilm?

Katrin Gebbe: Das wäre dann auf jeden Fall „Gegen die Wand" von Fatih Akin. Für mich sein bester Film mit großartigen Figuren und Darstellern.

 

Und gibt es Hamburger Kreative, mit denen du gerne mal zusammenarbeiten würdest?

Ich habe bereits mit vielen tollen Menschen aus Hamburg zusammengearbeitet. Aber da fällt mir spontan jetzt Andrew Bird ein. Mit ihm würde ich gerne irgendwann mal etwas machen.

Stills: DCM
Porträt: Chris Hunter
Setfoto: Junafilm/Simon Versano