11.11.2020 | Start der Serie "Big Dating"

Romantische Geschichten mit Biss

Was wäre, wenn ein Algorithmus uns verrät, wer unser perfekter Partner ist? Dieser Frage geht Softwareentwickler Samuel in der achtteiligen Serie „Big Dating" nach, die seit wenigen Tagen in der ARD-Mediathek verfügbar ist. Wir haben mit dem Hamburger Regisseur Nathan Nill über die liebenswert-skurrilen Charaktere gesprochen und wie die Arbeit an der mittlerweile zweiten Serie für ihn war.

Wie bist du zur Serie hinzugestoßen und wo habt ihr gedreht?

Nathan Nill: Ich bin Ende 2018 an Bord gekommen. Da war das Autorenteam Bastian Köpf, Daniel Scheier und Thomas Mielmann und Produzent Andreas Banz von Kundschafter Film bereits mit dem NDR, der FFHSH und nordmedia für das Nordlichter-Förderprogramm im Gespräch. Bis zum Sommer 2019 haben wir dann unter Hochdruck weiter am Stoff gearbeitet und im Herbst die acht Folgen in Hannover aber auch teilweise im Harz gedreht. Da ich in der Vergangenheit als Hamburger natürlich oft in der Hansestadt nach Locations gesucht habe, war es für mich spannend, mal rauszukommen und eine Geschichte in einer anderen Stadt zu erzählen.

Nathan Nill (Mitte) mit den beiden Hauptdarsteller*innen Ole Fischer und Anna Schimrigk

Was hat dich an dem Stoff gereizt?

Nathan Nill: Ich mag melancholische und tragische Figuren – und da habe ich im Drehbuch Potentiale gesehen. Das ist die Grundlage für guten Humor. Es sind eben nicht die strahlenden Helden. Figuren, die etwas am Rand stehen und gerade im Fall von Samuel auch nicht so ein typisches Männlichkeitsideal verkörpern. Außerdem mochte ich die Idee, eine romantische Geschichte zu erzählen. Und ich finde, das ist nichts Verwerfliches. Komödiantische Filme können bissig, relevant und sehr kontrovers sein. (lacht)

Eine der vielschichtigsten Figuren: Lina (Olga von Luckwald)

Wie hast du die Serie zu etwas Eigenem gemacht, also dich von den Drehbüchern gelöst?

Nathan Nill: Die Ursprungsidee hat sich sehr am Sitcom-Format orientiert. Ich habe mit dem Team dann versucht, etwas ernstere Töne in die Story mit einfließen zu lassen und den Figuren mehrere Dimensionen zu geben. Im Sommer 2019 kam dann mit Anika Soisson eine vierte Autorin mit an Bord, die nochmal eine weibliche Perspektive in die Stoffentwicklung gebracht hat, was mir sehr wichtig war.

Außerdem mag ich skurrile Welten, was wir an der einen oder anderen Stelle auch versucht haben umzusetzen. Und ich wollte gerne zeigen, worum es bei der Liebe geht – um Bedingungslosigkeit. Besonders bei der Figur Lina kann man das spüren. Ihre Rolle ist nicht so einfach, weil sie eine gewisse Doppelbödigkeit besitzt und sich zum Ende hin Abgründe in ihrem Charakter offenbaren.

Bereits zu Beginn der Serie erfähren die Zuschauer*innen, dass Softwareentwickler Samuel ins Gefängnis kommt.

Welche Figur der Serie entspricht am ehesten dir?

Nathan Nill: Ich glaube, in jeder Figur steckt am Ende ein bisschen von einem selbst. Man setzt sich ja über lange Zeitraum mit den Figuren und ihren Eigenheiten auseinander. In so einem Format, wo sich ein großer Teil des Humors aus den Charakteren entwickelt, ist das unglaublich wichtig. Mir ist es ein Anliegen, sich über keine der Figuren lustig zu machen, mögen sie noch so entrückt sein.

Worum geht's in Big Dating?

Der junge App-Entwickler Samuel hat einen Algorithmus entwickelt, um seine perfekte Partnerin zu finden. In einem geklauten Datensatz stößt er auf Lina, eine ebenso chaotische wie mysteriöse Kellnerin. Samuel stürzt sich Hals über Kopf in die neue Beziehung. Unterstützt wird er von seinen beiden besten Freunden Inga und Henner. Das Paar erwartet ein Kind. Zunehmend beginnt der Algorithmus, das Leben von allen zu verändern.

Hier geht's zur ARD Mediathek.

Hattest du Serien- oder Filmvorbilder?

Nathan Nill: Ein konkretes Vorbild gibt es nicht. Aber wir haben uns natürlich auch umgeschaut, z.B. in der Netflix-Serie Maniac mit Jonah Hill und Emma Stone, die in der Serie in einer eigenen Retro-Zukunftswelt leben. Ich habe auch in den einen oder anderen Film der Coen-Brüder nochmal reingeschaut.

Stromberg? Nein, Henner (Leon Ullrich)! Samuels bester und etwas verrückter Freund betreibt eine mobile Saftbar.

Big Dating ist nach „Komm schon" die zweite Serie, bei der du Regie geführt hast. Welche Erfahrungen hast du bei „Komm schon" gesammelt, die du jetzt einbringen konntest?

Nathan Nill: Man begleitet die Figuren, anders als beim Film, über sehr lange Zeiträume – und die Dramaturgie ist eine ganz andere. Bei „Komm schon" hatte ich die Möglichkeit zu lernen wie es ist, ein ganzes Ensemble mit auf diesen Weg zu nehmen. Das hat mir jetzt auf jeden Fall geholfen. Aber ich habe auch Leute aus dem „Komm schon"-Ensemble mit in mein neues Team geholt, wie Hauptdarsteller Ole Fischer (Samuel) oder auch die Hamburgerin Victoria Trauttmansdorff, die in der Serie seine Mutter Gisela spielt. Das macht einfach Spaß.

Dürfte Hamburger Theaterfans ein Begriff sein: Victoria Trauttmansdorff hier als Samuels Mutter.

Wie lief das Casting ab? Denn viele Darsteller*innen kanntest du ja bereits.

Nathan Nill: Das war ganz unterschiedlich. Einige Leute haben wir direkt angesprochen, für andere Rollen haben wir einen ganz normalen Castingprozess durchlaufen und geschaut, welche Schauspieler*innen zusammenpassen und sich ergänzen. Marion Haack hat den Prozess von Anfang an mit großer Hingabe begleitet.

Gab es skurrile/witzige Vorkommnisse am Set?

Wir hatten schon sehr viel Spaß, als wir die Folge im esoterischen Yogacamp mit all den verrückten Charakteren dort gedreht haben. Die Stimmung hat sich durchaus aufs Team übertragen. (lacht)

Regisseur Nathan Nill

Dein Serientipp für die dunkle Winterzeit nach Big Dating?

Ich hab gehört, dass bald die vierte Staffel von "Fargo" erscheint. Da freue ich mich schon sehr drauf, außerdem kann ich die Serie "Sucsession" empfehlen – wirklich gute Unterhaltung.

Stills: Peter Drittenpreis/Schurkenstart/Kundschafterfilm