Regisseur Ronny Trocker (l.) und Hauptdarsteller Mark Waschke bei den Dreharbeiten in Hamburg
Regisseur Ronny Trocker und Hauptdarsteller Mark Waschke stehen während der Dreharbeiten in Hamburg vor einer Holzwand mit Regalen und reden.
13.01.2021 | „Der menschliche Faktor“ @Sundance Festival 2021

Perspektive in Schleife

Eine deutsch-italienisch-dänische Koproduktion beim Sundance Film Festival 2021: Am 29. Januar feiert „Der menschliche Faktor" von Regisseur und Autor Ronny Trocker seine Weltpremiere in der World Dramatic Competition des US-Festivals. Hauptproduzent ist die Zischlermann Filmproduktion mit Sitz in Berlin und Lübeck. Wir haben mit den beiden Produzent*innen Susanne Mann und Martin Rehbock über Ratten, Perspektiven in Zeitschleife und Hamburger Wohnungen gesprochen.

Wann und wie habt ihr erfahren, dass ihr beim Sundance im Wettbewerb lauft?

Susanne Mann: Durch Corona hatte sich unser Zeitplan im letzten Jahr sehr verzögert, da die Postproduktion zwischen Wien, Berlin, Brüssel und Kopenhagen stattgefunden hat. Und auch viele für uns relevante Festivals wurden entweder gar nicht oder nur im kleinen Rahmen durchgeführt. In Cannes hatten wir es 2020 immerhin auf die „la Quinzaine des Réalisateurs"-Shortlist geschafft.
Wir haben den Film vergangenes Jahr dann erstmal zuende produziert und uns für Festivals beworben, die Anfang 2021 stattfinden. Ich muss gestehen, ich habe den Film überhaupt nicht auf dem Sundance gesehen. Ein paar Filme unserer dänischen Koproduzenten Snowglobe liefen aber bereits dort und sie hatten gute Kontakte zu einem der Senior Programmer. Der meldete sich dann auch kurze Zeit später und sagte, dass „Der menschliche Faktor" auf jeden Fall dabei sei. Wir konnten es kaum fassen und haben erstmal etwas abgefeiert.

Martin Rehbock: Um 21.18 Uhr hast du mir die Nachricht geschickt und ich wäre fast vom Stuhl gefallen. (lacht)

Susanne Mann: Toll ist, dass Sundance bereits seit vielen Monaten mit einer Online-Ausgabe plant und wahnsinnig viel Arbeit in das Festival gesteckt hat. Das gibt uns ein gutes Gefühl.

Martin Rehbock: Es wird auch viel für die Filmemacher getan – man versucht, alle digital miteinander zu verknüpfen.

Porträtfoto von Susanne Mann
Produzentin Susanne Mann
Porträtfoto des Produzenten Martin Rehbock
Produzent Martin Rehbock

Und wie kann man euren Film als Festivalbesucher*in sehen?

Susanne Mann: Es gibt einen festen Online-Timeslot am zweiten Festivalabend (29.01.) mit anschließendem Q&A, bei dem wir im Chat Fragen beantworten. Wir haben als Produzenten ein kleines Kontingent an Online-Karten bekommen, insgesamt können bis zu 5000 Menschen den Film schauen. Es wird dann im Laufe des Festivals noch ein Wiederholungsscreening geben. Aus Auswertungsgründen haben wir uns jedoch dafür entschieden, die Ausstrahlung auf den US-Markt zu beschränken.

Hauptdarstellerin Sabine Timoteo bei den Dreharbeiten in der fiktiven Agentur im Hamburger Oberhafenquartier

Wie ist die Zusammenarbeit mit Ronny Trocker zustande gekommen?

Susanne Mann: Ronny suchte damals für seinen Film „Die Einsiedler" eine Produktionsfirma aus Berlin. Da Ronny und Martin sich kannten, schickte Martin (der zu dieser Zeit noch nicht Gesellschafter von Zischlermann war, Anm. d. Red.) ihn zu uns – eigentlich, damit wir ihm ein paar Firmen aus der Hauptstadt empfehlen. Mir wurde allerdings sehr schnell klar, dass ich das Projekt unheimlich gerne selbst machen würde, nachdem ich mich das erste Mal mit Ronny getroffen hatte. Er hat eine ganz eigene Handschrift und weiß genau, warum er einen Stoff anfasst. Außerdem kann er sowohl schreiben als auch Regie führen – und ist einfach ein sehr angenehmer Typ. Kurz gesagt: Alle Pfeile zeigten auf Ronny. (lacht) Und so haben Paul Zischler und ich mit unserer Firma Zischlermann seinen ersten Langfilm produziert, der 2016 in Venedig seine Premiere feierte und danach sehr gut lief. Im Anschluss sprachen wir dann direkt über sein nächstes Projekt: Der menschliche Faktor.

Kameramann steht mit weiteren Crewmitgliedern auf einer Straße im Wald.
Die Dreharbeiten in den Wäldern fanden in Belgien statt.
Drehpause im Ferienhaus in Hamburg Bergstedt

Was hat euch am Stoff gereizt?

Susanne Mann: Ronny ist Vater von zwei Kindern und selbst eine interessante Koproduktion: Er kommt aus Südtirol, hat lange in Berlin gelebt, in Argentinien studiert und lebt jetzt seit 13 Jahren in Brüssel mit seiner Schweizer Freundin. Irgendwann fing er an sich Gedanken zu machen um die Kommunikation und Fehlkommunikation, die innerhalb einer Familie abläuft. Und diese persönlichen Fragen seinerseits haben dann auch mich interessiert. All das vor dem Hintergrund, dass wir in der heutigen Zeit einer Flut aus Überinformationen ausgesetzt sind und jeder die Infos anders aufgreift, filtert und wahrnimmt.

Martin Rehbock: Und für diese Fragen hat er eine sehr klare Struktur im Film gefunden, indem er die Geschichte aus mehreren Perspektiven in einer Schleife erzählt. Das Puzzle setzt sich Stück für Stück zusammen. Man muss überhaupt erstmal verstehen, dass man sich in einer Schleife befindet. Das macht einen als Zuschauer sehr aufmerksam und man sieht Dinge im wahrsten Sinne des Wortes mit anderen Augen. Das hat mir schon beim Drehbuch sehr gut gefallen.

Worum geht's im Film?

Jan (Mark Waschke), Nina (Sabine Timoteo) und ihre beiden Kinder sind eine moderne, kosmopolitische Familie. Das Paar leitet zusammen erfolgreich eine innovative Werbeagentur. Aber als Jan ohne Rücksprache mit seiner Frau den heiklen Auftrag einer politischen Partei annimmt, überlegt Nina aus der gemeinsamen Firma auszusteigen. Um zumindest ihre Ehe zu retten, beschließen sie ein gemeinsames Wochenende an der belgischen Küste zu verbringen. Die Ankunft im familieneigenen Ferienhaus wird jedoch von einem mysteriösen Hauseinbruch überschattet. Während der beängstigende Vorfall die Vier anfangs wieder zusammenschweißt, droht die unterschiedliche Wahrnehmung der Geschehnisse das fragile Familienidyll bald darauf wieder zu zerstören. Erzählt aus verschiedenen Blickwinkeln, hinterfragt der Film die Zuverlässigkeit der individuellen Perspektive.

Ein Großteil des Films ist in Hamburg entstanden, obwohl die Handlung eigentlich viel in Belgien spielt. Wie ist es dazu gekommen und wo habt ihr gedreht?

Susanne Mann: Eigentlich sollte der Film in Belgien als belgische Koproduktion gedreht werden. Da die Finanzierung in Belgien jedoch nicht geklappt hat, mussten wir etwas „Out of the Box" denken und haben geschaut, was in Hamburg möglich ist. Das Ferienhaus im Film steht zum Beispiel in Hamburg Bergstedt und nicht an der belgischen Küste. Die Agentur des Ehepaares im Film befindet sich im Oberhafenquartier in den „Erste Liebe Studios". Der Umbau zur Agentur hat rund eine Woche gedauert. Die sehr präsenten Schwebelampen waren das absolute Herzstück unserer Production Designers – und auch wir waren sehr begeistert vom Ergebnis.

Überreichung des Grünen Drehpasses an die Filmcrew
Für umweltbewusste Dreharbeiten wurde der Crew der Grüne Drehpass der FFHSH verliehen.

Wo genau befindet sich die Wohnung der Familie? Die vorbeifahrende S-Bahn sticht immer wieder ins Auge.

Susanne Mann: Die Wohnung zu finden war tatsächlich nicht so leicht und wir sind erst kurz vor Drehbeginn in der Bogenstraße zwischen Schlump und Hoheluft fündig geworden. Passenderweise gehört die Wohnung auch in echt einem Agenturchef und die Inneneinrichtung hat für unsere Zwecke sehr gut gepasst – wir mussten nur wenig ändern.

Martin Rehbock: Die Wohnung sollte sehr urban wirken und damit einen starken Kontrast zum Ferienhaus in Belgien darstellen. Durch die immer wieder vorbeifahrende S-Bahn gibt es außerdem einen weiteren Störfaktor, der die Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern erschwert. Wir haben aber natürlich auch in Belgien gedreht. Dort sind zum Beispiel die Strandszenen, die Wälder und auch das Partyhaus, in dem die Tochter eines Abends ist, entstanden.

In einer Szene vor der Agentur regnet es heftig. Hat euch das Hamburger Wetter da in die Karten gespielt oder musstet ihr nachhelfen?

Susanne Mann: Da mussten wir tatsächlich nachhelfen (lacht). Wir hatten aber sonst ziemliches Glück mit dem Hamburger Wetter.

Agenturraum ohne Menschen.
Die Agenturräume mit den sehr markanten Hängeläuchten
Eine Ratte in der Kapuze eines Menschen.
Ratte "Zorro" spielt eine wichtige Rolle im Film - und hat mit seinen Brüdern und Schwestern gute Stimmung ans Set gebracht

Der Sohn der Familie hat eine Ratte, die im Film eine wichtige Rolle spiel. Gab es am Set jemanden, der Angst vor Ratten hatte?

Susanne Mann: Es gab gleich mehrere Ratten am Set, da sie sehr sozial sind und zusammen sein müssen. Aber Angst hatte soweit ich weiß niemand. Ganz im Gegenteil: In den Pausen hatten viele Crewmitglieder eine Ratte auf dem Arm und haben mit ihr gekuschelt. Das sind wirklich tolle Tiere.

 

Und warum heißt die Ratte Zorro?

Susanne Mann: Unsere Ratte im Film ist eine Fleckenratte, die von Natur aus schon ein bisschen maskiert ist. Auf der Meta-Ebene geht es aber um das Thema Maskieren/Demaskieren. Und die Ratte zeigt am Ende die einzige neutrale Perspektive, also die Wahrheit.

Martin Rehbock: Lange war der Arbeitstitel des Films sogar Zorro. Aber den Namen, die Marke gibt's natürlich schon – und wir wollten uns einen langen Rechtsstreit ersparen.

Über Zischlermann Filmproduktion

Die Zischlermann Filmproduktion GmbH ist eine Filmproduktionsfirma mit Sitz in Berlin und Lübeck. Sie wurde 2009 von Susanne Mann und Paul Zischler mit dem Ziel gegründet, Spielfilme und Dokumentarfilme für den internationalen Markt herzustellen. Seit 2017 ist Martin Rehbock Teilhaber der Firma und wirkt als Produzent und Autor.

Warum habt ihr euch dafür entschieden, dass die Schauspieler so viel Französisch sprechen?

Martin Rehbock: Das Sprachelement zahlt natürlich auch wieder auf die fehlerhafte Kommunikation zwischen den Akteuren ein. Man kann sich schnell ausgeschlossen fühlen, wenn zwei Leute sich in einer Sprache unterhalten und eine dritte Person nicht Muttersprachler ist und Schwierigkeiten hat zu folgen. Die Sprache wird als Mittel eingesetzt, um Dinge zu verbergen. Und man bekommt Nuancen als Nicht-Muttersprachler nicht mehr mit.

Susanne Mann: In Momenten, in denen man emotional besonders erregt ist, verfällt man in seine Muttersprache – und es kann zu Missverständnissen kommen.

Der Regisseur redet mit dem Kinderdarsteller.
Regisseur Ronny Trocker gibt letzte Anweisungen, bevor es weitergeht

Der Film erzählt die Geschehnisse aus unterschiedlichen Perspektiven. War es schwer, die einzelnen Zeitschleifen im Schnitt sinnvoll zusammenzubringen?

Susanne Mann: Einfach war es nicht. Wir haben viel experimentiert und man hätte es sich definitiv leichter machen können. Aber das Ergebnis hat dann letztendlich für sich gesprochen.

Setfotos: Andrea Kueppers

Grüner Drehpass Foto: medienpublikation.de / Robin Loesch