Intensives Schauspiel: Sandra Hüller als von Albträumen geplagte Marlene in "Schlaf"
24.02.2020 | "Schlaf" feiert Weltpremiere auf der Berlinale 2020

Zwischen Albtraum und Trauma

Ein Arthouse-Horrorfilm "Made in Germany"? Regisseur Michael Venus zeigt mit seinem Debutfilm "Schlaf", dass diese Kombination kein Widerspruch sein muss. Produziert wurde der Film von Verena Gräfe-Höft (Junafilm). Beide studierten vor vielen Jahren gemeinsam an der Hamburg Media School und haben jetzt zum ersten Mal gemeinsame Sache gemacht.  

„Eine der heftigsten Szenen war die letzte Szene mit Sandra Hüller, die wir in 30 Minuten abgedreht hatten. Zwei, drei Einstellungen mit der Handkamera, mehr nicht. Doch wir waren nicht bereit für das, was sie uns da mit ihrem Schauspiel bot. Jeder am Set hatte einen Kloß im Hals. Für mich war es schwer, meine Rolle als Regisseur wahrzunehmen und weiterhin Anweisungen zu geben. Ich wusste nicht, ob Sandra ihren Zusammenbruch noch spielt oder wir den Dreh abbrechen müssen. Doch ein paar Sekunden nach Drehende fing sie schon wieder an Witze zu machen." Regisseur Michael Venus erinnert sich gerne an die intensive Zeit am Set seines Debutfilms "Schlaf" zurück. Ein für die deutsche Filmlandschaft der letzten Jahre eher untypischer Film. Ein Mix aus Horror, Psychothriller und Drama. „Arthouse-Horror" sagt Verena Gräfe-Höft, die den Film mit ihrer Hamburger Firma Junafilm produziert hat. Und dieser Arthouse-Horror hat es in diesem Jahr ins Programm der Berlinale geschafft. Er läuft dort neben gerade einmal drei anderen Spielfilmen in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino".

V.l.: Michael Venus, Verena Gräfe-Höft, FFHSH-Chef Helge Albers, Kultursenator Carsten Brosda und Drehbuchautor Thomas Friedrich

Michael Venus wandelt in seinem neuen Film zwischen albtraumhaften Sequenzen und geschichtlichem Horror. Ein Film, der die meiste Zeit in dem fiktiven Dorf Stainbach spielt, das umgeben von Wald ist und in dem irgendetwas nicht stimmt. Die Hauptrollen haben Sandra Hüller und Gro Swantje Kohlhof als Mutter und Tochter übernommen. Hüller ist aus dem deutschen Kino schon lange nicht mehr wegzudenken, Kohlhof haben viele Kinogänger seit ihrer ersten großen Kinorolle in „Tore tanzt" aus dem Jahr 2013 auf dem Radar. Die Voraussetzungen für ein Kinodebut im Rahmen der Berlinale könnten also auf der Ensembleseite nicht besser sein.

Sandra Hüller und Gro Swantje Kohlhof als Mutter und Tochter

Doch wie kommt man eigentlich dazu, als Debutfilm direkt mit dem Horror-Genre einzusteigen? Verena Gräfe-Höft und Michael Venus kennen sich bereits aus dem Studium an der Hamburg Media School. „Wir wollten damals schon gerne zusammen arbeiten, doch das hatte in dem sehr straff gestrickten Studium leider nicht geklappt", verrät Venus." Man habe sich jedoch bereits während der Uni-Zeit viel über Genre-Filme unterhalten. „Michael war in unserer Uni-Gruppe, zu der unter anderem auch 'Schlaf'-Kameramann Marius von Felbert gehörte, immer der, der die neusten Serien kannte und sagte 'Verena, hast du das schon gesehen?', erinnert sich Gräfe-Höft. Und schlussendlich ist es ein kleines Stück weit einem Serienprojekt zu verdanken, dass es irgendwann ins Horror-Genre ging: Schon während des Studiums schrieb Venus gemeinsam mit Marvin Kren und Benjamin Hessler (beide Autoren für „4 Blocks" und aktuell "Freud") an einer Mystery-Serie, doch das deutsche Fernsehen war zu dieser Zeit noch nicht bereit für das Format: „Obwohl wir enthusiastischen Zuspruch für das aufwändig ausgearbeitete Konzept erhalten hatten und wir die ersten Drehbücher schreiben durften, konnten wir es nicht umsetzen. Die Programmmacher im linearen Prä-Streaming-TV wussten beim besten Willen nicht wohin damit", sagt Venus.

Schlaf oder doch schon wach? Das wissen die Protagonisten in "Schlaf" oft selbst nicht so genau

Bei einem Job traf er dann Verena Gräfe-Höft wieder, die das Feuer fürs Mystery- und Horror-Genre bei ihm neu entfachte. 2013 habe man dann das erste Mal konkret gemeinsam mit Drehbuchautor Thomas Friedrich über „Schlaf" gesprochen. „Zu dieser Zeit hatten Thomas und ich gerade angefangen, uns mit dem Thema Patriarchat auseinanderzusetzen. Etwas das uns beide beunruhigt. Thomas hatte parallel dazu einen anderen Horrorstoff entworfen und war Verenas Anregungen entsprechend aufgeschlossen. Horrorfilme sind auffällig oft trotz fantastischer Überspitzung oder grotesker Überzeichnung Filme, die das Publikum mit soziopolitischen Dimensionen konfrontieren und kollektive Ängste abbilden, die ausgesprochen realistisch sind", sagt Venus.

Kurzinhalt Schlaf

Marlene lebt mit ihrer Tochter Mona in Hamburg und leidet unter krankhaft wiederkehrenden Albträumen. In einer Zeitungsannonce glaubt sie den realen Schauplatz ihrer Albträume entdeckt zu haben: das Hotel Sonnen­hügel im Dorf Stainbach. Heimlich reist sie in den idyllisch gelegenen Ort, wo sich ihre Befürchtungen bestätigen. Als sie herausfindet, dass ihre Albträume in Verbindung mit drei Selbstmorden stehen, fällt sie in einen komatösen Schlaf und landet in der Psychiatrie. Mona will ihrer Mutter helfen und begibt sich in dem verschlafenen Dorf auf Spurensuche. Hotelbesitzer Otto empfängt sie überaus freundlich, doch bereits in der ersten Nacht im Hotel wird Mona selbst von einem Albtraum aufgewühlt. Es ist der Auftakt einer Achterbahnfahrt in den verstörenden Abgrund von Monas ungeahnter Familiengeschichte. Traum und Wirklichkeit verschwimmen – und ein alter Fluch schöpft durch Mona frische Kraft.

Die Albtraumsequenzen in „Schlaf" dürften dem Publikum noch lange nach dem Film im Gedächtnis bleiben. Oft wissen die Figuren nicht, ob sie gerade schlafen oder wach sind. „Unser Film hat sich hin zu einer Erzählung über Albtraum und Trauma, Angst und Verdrängung, Schuld und Sühne entwickelt. Dabei wollten wir dem Geheimnis, das alle Figuren miteinander verbindet, einen Mythos überordnen. Wir haben uns intensiv mit dem Phänomenen und Mythen des Schlafs, des Waldes, mit Märchen, vorchristlichen Mythologien und so weiter auseinandergesetzt", sagt Venus. Stoff also, der sich in abgewandelter Form sehr gut für einen Film mit dem Titel „Schlaf" eignet. Neben der Sagen- und Mythenwelt greift der Film jedoch auch den echten Horror der deutschen Geschichte auf – den Nationalsozialismus in Form von Zwangsarbeitern.

Gedreht wurde das Projekt im Jahr 2019 in Hamburg und im Harz, die Drehbuchphase erstreckte sich über einen Zeitraum von fast vier Jahren. „ Als wir den Ort im Harz gefunden hatten, wurde die Geschichte von dem Drehort nochmal neu erzählt. Wir schrieben also eine weitere Drehbuchfassung", so Venus. Die Story im Film spielt dabei nicht im Harz, sondern an einem Ort, der eigentlich überall in Deutschland existieren könnte.

Die Postproduktion hat fast komplett in Hamburg stattgefunden. Der Schnitt sogar im gleichen Haus, in dem auch Verena Gräfe-Höft mit ihrer Firma Junafilm sitzt. „Wir haben hier mehrere Schnittplätze – unsere Editorin Silke Olthoff war also immer nur ein paar Türen entfernt. Das ist ein ziemlicher Luxus, da man keine Termine vereinbaren muss" sagt Gräfe-Höft. Mittlerweile ist der Film komplett fertig und wird diese Woche auf der Berlinale seine Weltpremiere feiern. Was wünscht man sich für einen Debütfilm aus dem Horror-Genre? „Es wird spannend sein zu sehen, auf welchen Genre-Festivals „Schlaf" weltweit läuft. Außerdem hoffen wir, dass wir mit unserem Film die Diskussion um deutsche Genrefilme nochmal etwas ins Rollen bringen können und Freunde des Horrorfilms zusammenbringen", so Gräfe-Höft.

2019 gab es für "Schlaf" den Grünen Drehpass der FFHSH für besonders nachhaltiges Drehen.

Wie der Film beim Publikum ankommt, werden Produzentin und Regisseur bald wissen. Und wie schauts bei den beiden aktuell mit dem Schlaf aus? „Ich bin noch nicht nervös, aber schon sehr gespannt. „Schlaf" ist ein Kinofilm, und als solcher auch in erster Linie gemacht. Und dass er seine Weltpremiere in einem der schönsten Kinos des Landes, im Kino International haben wird, fühlt sich für mich an wie ein Traum", sagt Michael Venus – der Schlafpegel scheint also zu stimmen. Für Verena Gräfe-Höft ist es nicht das erste Mal, dass ein von ihr produzierter Film auf einem großen Festival läuft: „Doch ich habe immer noch Herzklopfen. Die Atmer und Lacher des Publikums – ich nehme das bei einer großen Premiere alles sehr intensiv wahr. Und trotzdem: Schlafen tue ich aktuell hervorragend!" Es ist also fast geschafft. Jetzt fehlt nur noch eins: Die Premiere am 25. Februar im Rahmen der 70. Berlinale.

Still: Salzgeber Edition
Gruppenfoto: Jasper Ehrich