09.07.2020 | Hamburger Kamerafrau Zamarin Wahdat

Herzensprojekte

Mit 31 Jahren hat sie bereits einen Oscar in der Tasche – vor wenigen Wochen konnte sie sich beim Screen Talent Europe Pitching Forum gegen die Konkurrenz durchgesetzt: Für die Hamburger Kamerafrau und Autorin Zamarin Wahdat könnte es momentan nicht besser laufen. Welchen Projekten sie sich als nächstes widmet und was für sie gute Kameraarbeit ausmacht, verraten wir euch hier.

Eigentlich fühlt Zamarin Wahdat sich hinter der Kamera pudelwohl. Dort sucht sie die intimen Momente, will Emotionen einfangen, den Schauspieler*innen und dem Geschehen nahe sein – und der Regie dabei helfen, ihre Vision umzusetzen. Doch seit dem 9. Februar 2020 ist Sie es, die häufig vor der Kamera steht, immer wieder Interviews geben muss. An diesem Tag gewann das Team hinter der Dokumentation Learning to Skateboard in a Warzone (if you're a girl) den Oscar für die beste Kurzdokumentation. Und Wahdat ist Teil dieses Teams, das zweimal trotz großer Widrigkeiten für mehrere Wochen nach Afghanistan gereist ist, um die Mädchen der Nonprofit-Organisation Skateistan in ihrem Alltag zu begleiten.

Nicht nur Kamera: Bei den Dreharbeiten in Kabul war Zamarin Wahdat oft auch Übersetzerin

Dreharbeiten in Kabul

Bei den meisten Filmschaffenden steht der Oscar ganz am Ende der „To Do-Liste", wenn überhaupt. Die 31-jährige Hamburgerin kann sich die Trophäe als ersten großen Preis ins Regal stellen. Und das für ein Herzensprojekt. Sie ist für die Dokumentation zurück in ihre Heimat nach Afghanistan gefahren – zum ersten Mal in ihrem Leben. „Meine Mutter hier in Hamburg war natürlich gar nicht begeistert, als ich ihr von meinem Vorhaben erzählte. Wir sind damals von dort geflohen – und ich fahre einfach wieder zurück. Für mich war es eine sehr emotionale Reise, die ich niemals vergessen werde", sagt Wahdat. Erinnern kann sie sich an ihre Kindheit in Afghanistan nicht. Gerade zwei Jahre war sie, als die Familie beschließt, das Land aufgrund der Unruhen zu verlassen. Als sie im Jahr 2017 für die Dreharbeiten in Kabul ist, hat sich die Lage kaum verändert. Anschläge sind nach wie vor an der Tagesordnung, die Angst ist immer dabei. Gezögert hat sie trotzdem keinen Moment, als ihre Professorin an der NYU Tisch School of the Arts in New York sie für das Projekt anfragt: „Ich habe sofort ja gesagt – auch meiner Familie habe ich erst anschließend davon erzählt", verrät Wahdat. Der Rest ist Oscar-Geschichte.

Dreh in Camp Moria unter der Regie von Daniel Druhora

Neue Projekte

Und was kommt jetzt? Nach den Oscars begannen die Corona-Beschränkungen und die Filmbranche kam zum Erliegen. Die frischgebackene Oscar-Gewinnerin bildete sich online weiter und setzte die Arbeit an einer Langzeitdokumentation über die syrische Schwimmerin und Aktivistin Sarah Mardini in Berlin fort. Beim Screen Talent Europe Pitching Forum konnte sie sich mit einem weiteren Projekt gegen die Konkurrenz durchsetzen und Produktionsförderung in Höhe von 4.000 Euro mit nach Hause nehmen. Eine Geschichte über Mädchen in Afghanistan, die als Junge erzogen und gekleidet werden. Gemeinsam mit ihrer Schwester Katrin Wahdat wird sie das Projekt entwickeln. Eine persönliche Geschichte, ein zweites Herzensprojekt. Doch dieses Mal hat sie den Stift in der Hand.

Starke Bilder: Der Kurzfilm "Buck" feierte seine Premiere beim Sundance Film Festival 2020

Die Kamera steht an erster Stelle

Eine Kamerafrau, die gleichzeitig Drehbücher schreibt? An der NYU Tisch School of the Arts in New York, wo sie ihren Master machte, waren ihre Hauptfächer Kamera und Drehbuch. „Aber im Endeffekt mussten wir alles machen, vom Schneiden über Regie bis zur Kameraarbeit. Das waren drei Jahre Militär. Man wurde zur Allrounderin ausgebildet. Jetzt kommt mir das jedoch sehr zugute", sagt Wahdat und kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Bei „Learning to Skateboard in a Warzone (if you're a girl)" hat sie die zweite Kamera übernommen und Interviews mit den Mädchen vor Ort geführt, aktuell fokussiert sie sich aufs Schreiben – auch wenn die Kamera immer noch an erster Stelle steht. „Ich war schon immer ein großer Filmfan, nur Dialoge waren nie so meins. Ich konnte mich immer besser mit Bildern ausdrücken", verrät die Kamerafrau.

Bei dem preisgekrönten Film "Liberty" übernahm Zamarin Wahdat die Kamera

Inspiration

Gibt es filmische Vorbilder für ihre Kameraarbeit? „Ich habe mich in Adam Arkapaws visuelle Arbeit in dem Kriegsdrama Lore verliebt. Auch die intime Kameraführung von Joshua James Richards in The Rider hat mich sehr berührt und seine Arbeit beeinflusst mich bis heute. Besonders starke Bilder hat auch der indische Kameramann Subrata Mitra in der Apu Trilogie eingefangen. Man muss nur einen Frame herausgreifen und hat eine ganze Geschichte", gerät Zamarin Wahdat ins Schwärmen. Aber auch zu vielen Kolleg*innen in ihrem unmittelbaren Umfeld schaut sie auf und sieht sie als Inspiration. Mit einigen ist sie seit kurzem über das weltweite Kollektiv Sporasco vernetzt, das sich für Diversität im Kamerabereich einsetzt – eine Initiative, die ihr in ihren Anfängen als Kamerafrau gefehlt habe.

Blick Richtung Zukunft: Aktuell arbeitet Wahdat an mehreren neuen Stoffen.

Bei ihrer eigenen Kameraarbeit ist es ihr wichtig, die Gedankenwelt der Regie zu verstehen und die Wörter des Drehbuchs in Bilder zu übersetzen. Sie will, dass ihre Bilder Teil der Geschichte werden und nicht davon ablenken: „Ich möchte das Herz einer Szene treffen. Außerdem würde ich niemals eine gute Schauspielerperformance unterbrechen, nur weil ich gerade vielleicht mit dem Licht etwas unglücklich bin. Denn diesen authentischen Moment kann man in der Regel nicht wiederholen", sagt Wahdat.

Der Kurzfilm "Liberty" gewann bei der 69. Berlinale den "Special Prize of the Generation 14plus International" als bester Kurzfilm

Drehbuch über Kindheit

Ihre nächste Kameraarbeit wird sie in die USA führen, wo sie ein Magical Realism-Projekt in Bilder fassen soll. Außerdem wartet eine sehr persönliche Geschichte darauf, erzählt zu werden: Die Erinnerung an ihre Kindheit setzt ein, als die Familie in Hamburg ankommt und zwei Jahre lang in einem Asylheim wohnen muss. „Es war ein bisschen wie in einem Studentenwohnheim. Jede Familie hatte ihr eigenes Zimmer, Bad und Küche musste man sich mit anderen teilen. Und es gab sehr viele Kinder – quasi aus jedem Land, das gerade im Krieg war zu der Zeit", erinnert sie sich. Doch auch wenn alles ein wenig chaotisch war: das Asylheim war ihr Zuhause. Eine Zeit, über die es sich zu berichten lohnt. Seit einigen Wochen schreibt sie fast jeden Tag ein bisschen am Drehbuch, ist unterwegs in ihren Erinnerungen. Und auch dieser Film wird ein Herzensprojekt, ganz sicher.

Titelbild: Sarra Ashlehh @ artofsarraa
Kabul: Robbie Jackson // Camp Moria: Elias Marcou // Liberty: Alex Harris
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