Soundmischung des Coming of Age-Films "Es war einmal Indianerland" in den Konken Studios
Tonstudio mit Leinwand im Hintergrund
29.04.2021 | Audio-Postproduktion im Film-Norden

Mach mal lauter!

Sie sorgen dafür, dass Dialoge in Filmen klar und verständlich sind, Explosionen so richtig Wumms haben – und Regen tatsächlich klingt wie Regen: die Sounddesigner*innen und Mischtonmeister*innen im Bereich Audio-Postprodukion. Wir haben mit sieben Studios in Hamburg und Schleswig-Holstein gesprochen und verraten euch, wo die Schwerpunkte liegen und warum ihre Arbeit für Film und Serie unverzichtbar ist.

„Wir haben draußen eine Tischtennisplatte, an der wir uns nachmittags oft treffen. Damit man zwischendurch auch mal das Tageslicht sieht", sagt Yannick Rehder und lacht. Als Mischtonmeister verbringt er den Großteil seines Tages in abgeschirmten, dunklen Räumen. Doch er kann sich keinen besseren Job vorstellen. Gemeinsam mit Tobias Farshim leitet er seit 2014 das Tonik Studio in Hamburg. Hier entsteht unter anderem die deutsche Mischung der Netflix-Erfolgsserie Stranger Things, hier bekommt der Ton des Tatortreinigers seinen ersten und letzten Schliff. „Bei Schotty geht es in unserem Job zum Beispiel darum, den Witz der einzelnen Szenen akustisch zu unterstreichen, etwa das Quietschen seiner Schuhe zu sehr unpassenden Zeitpunkten", verrät Rehder. Das Tonik Studio bietet von Sprachaufnahmen über Sounddesign bis hin zur Dolby Atmos-Mischung zahlreiche Leistungen für unterschiedliche Bedürfnisse an.

GEschäftsführer Yannick Rehder vom Tonik Studio vor einem MIschpult
Yannick Rehder in der Schaltzentrale des Tonik Studios

Nur ein paar Straßen weiter befinden sich die Loft Studios, die unter anderem für die Soundproduktion von Fatih Akin „Der Goldenen Handschuh" und Özgür Yildirims „Nur Gott kann mich richten" sowie die Synchron-Sprachaufnahmen für Moritz Bleibtreus Regiedebüt „Cortex" verantwortlich sind: „Für Cortex haben wir die Nachsynchron-Aufnahmen mit Moritz Bleibtreu gemacht. Das war eine tolle Arbeit, da Moritz sehr professionell ist, während der Aufnahmen aber immer kreativ bleibt und versucht, das Beste aus einem Take herauszuholen", sagt Filmtonmeister und CEO Sascha Heiny. Wie viele seiner Kollegen in den Loft Studios kam Heiny über die Musik in einer Band zur Technik: „Irgendwann in den 80er/90er Jahren merkte ich, dass mich der Aufbau der Beschallungsanlage mehr erfreute als meine Bandkollegen. Seither wollte ich gern Tonmeister werden", verrät der gebürtige Osnabrücker. Nach einer Ausbildung an der SAE machte er 1995 ein Praktikum bei Loft – seit 2003 ist geschäftsführender Gesellschafter. Die Zentrale der Loft Studios befindet sich in Hamburg Bahrenfeld, weitere Studios und Partner gibt es in Hamburg Winterhude, Berlin, Bremen und Frankfurt.

Filmtonmeister Sascha Heiny in den Loft Studios
Filmtonmeister Sascha Heiny in den Loft Studios
Regisseur Özgür Yildirim (l.) und Kameramann Matthias Bolliger stehen am Set von
Regisseur Özgür Yildirim (l.) und Kameramann Matthias Bolliger bei den Dreharbeiten von "Nur Gott kann mich richten"
Das kleine Sound-ABC

Wer nicht aus dem Soundbereich kommt, für den können die verschiedenen Fachtermini schonmal etwas verwirrend sein. Sascha Heiny beschreibt anhand des Leistungsspektrums der Loft Studios, was sich hinter den Begriffen verbirgt.

Dialogschnitt (=O-Tonbearbeitung): Bearbeitung der O-Töne vom Set. In erster Linie geht es hier um den Dialog und Sprachverständlichkeit, aber auch um Geräusche wie Schritte der Schauspieler, Originalhintergrundgeräusche (=Atmo) oder spezielle Sounds von im Bild sichtbaren Gegenständen (Türen, Autos, Geschirr...). Bei "Umschnitten" innerhalb einer Szene dürfen keine Tonsprünge hörbar sein, jedes Wort/jede Silbe sollte verständlich sein, Sprache und Geräusche müssen synchron zum Bild sein.

Vertonung (=Sounddesign): Die Tongestaltung dient der akustischen Atmosphäre eines Films. Wir können Stimmungen erzeugen, Locations düster oder freundlich wirken lassen, dörflich oder großstädtisch, laut oder still und vieles mehr. Geräusche müssen die Erwartungen des Zuschauers erfüllen oder gar übertreffen, beispielsweise bei großen Maschinen, schweren Türen oder extremen Nahaufnahmen. In der Regel werden dafür mehrere Sounds gelayert. Ebenso für die Atmosphäre: wenn es regnet, reicht nicht ein Regensound - wir möchten den Regen auf dem Regenschirm der Hauptdarsteller hören, auf dem Blechdach, unter dem die Protagonisten stehen und in der Rinne, die eventuell eine Nahaufnahme bekommt.

Sprachaufnahmen (Synchron und Voice Over): Nachsynchronisierung ist leider erforderlich, wenn der Ton vom Set aufgrund technischer Begebenheiten nicht ideal geworden oder sogar unbrauchbar ist. Manchmal werden Erzählerstimmen für die Geschichte benötigt, ab und zu wird der Sprechtext inhaltlich verändert, z.B. um Daten oder Namen zu korrigieren, die beim Dreh noch anders lauteten.

Mischung (für TV + Kino): in der Mischung werden alle Elemente (Dialog, Geräusche, Vertonung, Musik) zum Klangbild des Films zusammengeführt. Welcher Sound dominiert? Welche Geräusche bewegen sich im Raum? Musiken werden ein- und ausgeblendet, Töne werden verfremdet, Klangfarben verändert (Absenkung oder Betonung verschiedener Frequenzen), die Dialoge werden mit Räumen versehen und eventuell perspektivisch zum Bild gemischt.

Fast schon ein Urgestein der Hamburger Tonstudioszene ist Stephan Konken von den Konken Studios aus Ottensen. Gegründet Anfang der 80er, befinden sich die Studios seit 1988 an ihrem aktuellen Standort in der "Große Brunnenstraße". Und im Laufe der Zeit sind jede Menge Kultfilme durch sein Mischpult gewandert: Ob „Das deutsche Kettensägenmassaker" von Christoph Schlingensief, der Kinderfilm Käpt'n Blaubär oder der Oscar-nominierte „Mongol" aus dem Jahr 2007. „Für Mongol haben wir damals eigene Headsets für Pferde entwickelt und die Aufnahmen auf einer Koppel in Schleswig-Holstein gemacht. Denn die Aufnahmen in den einschlägigen Audio-Bibliotheken haben für unsere Zwecke einfach nicht gereicht", sagt Konken.

Tonstudio mit Leinwand im Hintergrund
Stefan Konken bei der Arbeit an "Mogul", der 2007 für den Oscar nominiert wurde

Schon seit den Anfängen sind Koproduktionen sein Steckenpferd, wie beispielsweise die mehrfach ausgezeichnete türkisch-deutsche Koproduktion "Sibel": „In dem Film geht es um ein Mädchen, das sich über eine Pfeifsprache verständigt. Die Hauptdarstellerin musste in der Postproduktion viele Pfeiftakes nochmal nachpfeifen. Das waren verrückte Aufnahmetage", verrät Konken, der für Sibel das gesamte Sounddesign gemacht hat. Aktuell arbeitet er an einem indonesischen Projekt für Fatih Akins Produktionsfirma bombero international. Seine Arbeit führt ihn also weiterhin (zumindest digital) rund um den Globus.

Trailer zur "Sibel"

Das Hamburg Ottensen ein echter Sammelpunkt für erstklassige Postproduktion im Bereich Sound ist, beweisen auch The Post Republic in der Gaußstraße. Von kleinen Koproduktionen bis zu Stoffen mit Starbesetzung wird hier Kinofilmen und Serien der richtige Ton verpasst. „Das Verhältnis von nationalen zu internationalen Produktionen ist bei uns etwa 50/50. Wir kommen aus der Kinowelt, aber die Anfragen im Streaming-Segment werden deutlich mehr", verrät Inhouse Producer Christoph Hars.

Studio mit Mischpult und Leinwand im Hintergrund
This is where the magic happens: Das Studio von The Post Republic in Hamburg

Gerade noch im Kino und jetzt schon auf Amazon Prime ist das Flugzeug-Geiseldrama „7500" mit Joseph Gordon-Levitt zu sehen. Hier hat das Team rund drei Monate am Dialog Editing und Sounddesign gesessen. „Der Film spielt fast die ganze Zeit in einem Cockpit, das sich zuerst wie Pappe anhörte. Hier mussten wir in der Postproduktion also etwas nachhelfen. Viel machen wir inhouse, doch für einige Jobs – wie etwa den des Foley Artist (Geräuschemacher) – holen wir uns Spezialisten von außerhalb", so Hars. Zuletzt arbeitete das Hamburger Team unter anderem an der ZDF-Serie „Tod von Freunden", für die The Post Republic zusammen mit dem Lüneburger Tonstudio Chausseefilm die gesamte Postproduktion übernommen hat. „Das ist eine unserer Stärken: Wir können nicht nur die Ton-Postproduktion anbieten, sondern auch den kompletten Bildbereich. Der Kunde bekommt also alles aus einer Hand", sagt Hars.

Ein weiterer Player im Hamburger Soundbusiness ist Studio Funk, die mit ihren insgesamt 32 Aufnahmestudios neben der Hansestadt auch in Berlin, Düsseldorf und Frankfurt vertreten sind und vom Biopic „Lindenberg! Mach dein Ding" bis zum Animationsfilm „Bayala" schon verschiedenste Genres mit dem richtigen Ton versorgt haben. Wie ist es eigentlich, an einem Animationsfilm zu arbeiten? „Eine besondere Herausforderung für unser Team bestand darin, eine akustische Welt von Grund auf für jede Figur und auch jede Location zu erschaffen. Sei es die Bedrohlichkeit der hohen Berge im Schneesturm, die Gewalt der stürmischen See, die Unbekümmertheit der jungen Elfen, oder das Böse ihrer Gegenspielerin", verrät Managing Director Markus Weber.

Kinofeeling bei Studio Funk

Auf der Soundebene ist also extrem viel möglich – und er ist wichtiger, als viele Kinogänger*innen vielleicht denken mögen: „Die Zuschauer*innen verzeihen Irritationen im Bild viel eher als im Ton. Ein unverständlicher Dialog lenkt sofort von der Geschichte ab, ein unscharfes Bild dagegen nur selten. Außerdem kann der Ton Emotionen im Zuschauer hervorrufen, die das Bild nicht hervorrufen kann. Man stelle sich nur mal einen Horrorfilm ohne Sound Effekte vor. Der Sound ist ein wichtiger Bestandteil der dramaturgischen Aussage eines Filmes", so Weber.

In Hamburg gibt es also jede Menge Soundpower, doch auch Schleswig-Holstein kann mit dem einen oder anderen Studio aufwarten. So bietet earworx in Kiel von Sounddesign bis zur mehrsprachigen Mischung eine ganze Palette an Leistungen für Kino, TV und Werbung. Das Studio von Stefan Schumacher besteht mittlerweile seit über 30 Jahren und hat in dieser Zeit zahlreiche NDR-Produktionen aber auch Kinofilme umgesetzt. Wer als Nachwuchsfilmemacher*in oder für kleine Produktionen Hilfe bei Ton und Musik braucht, kann sich indes an das Cliffstudio und Inhaber Roger Wahlmann in Böklund wenden, der seinen Arbeitsplatz in ein ehemaliges Schwimmbad auf dem Land gebaut hat.

Mischpult in einem Tonstudio
Sound aus Schleswig-Holstein: earworx gibt es mittlerweile seit mehr als 30 Jahren
Studio mit mehreren Gitarren
Das ehemalige Schwimmbad lässt sich nur noch erahnen: Cliffstudio in Böklund.

Einen Rückgang an Produktionen durch Corona haben übrigens alle Studios gemerkt, wenn auch nicht immer direkt im Jahr 2020: „Im letzten Jahr haben wir Glück gehabt, da viele unserer Produktionen gerade abgedreht waren, als es in den Lockdown ging. Im Frühjahr 2021 haben wir den stärksten Rückgang gesehen. Vieles wurde jetzt ins zweite Halbjahr geschoben – da wird es dann höchstwahrscheinlich extrem viel zu tun geben", sagt Yannick Rehder. Ganz passend sucht das Dreierteam gerade nach Verstärkung am Mischpult, doch wie aktuell auch in vielen anderen Gewerken beim Film fehlt der Nachwuchs. Wir drücken die Daumen, dass sich trotzdem jemand findet – dann steht auch dem Doppel an der Tischtennisplatte zum kurzen Vitamin D-Tanken nichts mehr im Wege.

Cortex: Warner Bros./Paloma Entertainment/Gordon Timpen
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