18.06.2020 | Keynote Helge Albers (meet&mingle)

Progress before perfection

Am 17. Juni  hielt FFHSH-Geschäftsführer Helge Albers eine Keynote beim meet&mingle Online-Panel zum Thema "Als das Kino zu streamen begann". Die gesamte Keynote gibt es hier im genauen Wortlaut zum Nachlesen.

Während des Shutdowns war gerade in den sozialen Medien eine der wichtigen, alles überschattenden Fragen, womit man nun die plötzlich gewonnene Zeit verbringt. Welche Bücher wollte man schon immer lesen, welche Yoga-Übungen kann man noch lernen und welche Serien stehen noch auf der Watchliste?

Ich kann alle diese Fragen nicht gut beantworten, da ich den Shutdown vor allem als Zoom-Marathon erlebt habe. Einen Luxus habe ich mir allerdings erlaubt: ich bin jeden Abend auf ein Feierabendbier in eines der Hamburger Kinos geradelt. Das hieß jeden Abend gähnend leere Foyers, warme Kühlschränke und ausgekühlte Säle - aber auch spannende Gespräche mit den Betreiber*innen der Kinos. Dabei sind mir zwei Punkte besonders in Erinnerung geblieben:

Viele Kinobetreiber*innen sind - auch wenn sie es öffentlich nie zugeben würden - eingefleischte Seriengucker und Netflixabonnenten. Trotzdem löst jedes Gespräch über Streaming bei ihnen fast schon allergische Reaktionen aus. Bei näherem Hinsehen sind sich aber alle darin einig, wo das Problem liegt: Die Kinos haben schlicht nichts vom Streaming. Alle existierenden digitalen Modelle gehen an den Kinos vorbei und kosten im Zweifel Kunden.

Die zweite wichtige Erkenntnis ist der oft bemühte Satz, dass es das Kino immer geben wird, da es auch schon den Krieg, die Einführung des Fernsehens und der VHS-Kassette überlebt habe.

Freundlich formuliert ist dieser Glaubenssatz das berühmte Pfeifen im Walde, denn natürlich hat das Kino keine dieser Krisen unbeschadet überstanden. Die Zuschauerzahlen nach dem Krieg haben sich halbiert, mit der Einführung der Farbfernseher ging es nochmals um die Hälfte bergab und über die Achtziger reden wir lieber erst gar nicht.

Nach jeder großen Krise war "das Kino" nicht mehr das gleiche wie davor. "Das Kino" hat diese Krisen nicht einfach überlebt, es musste sich wandeln und weiterentwickeln.

Jetzt stehen wir wieder an einem solchen Wendepunkt. Nach Monaten des Lockdowns können die Kinos langsam wieder ihre Türen öffnen. Wie wird sich das Kino nach dieser Krise wandeln? Wie wird es sich nun weiterentwickeln?

Auf diese Fragen gibt es mindestens zwei mögliche Antworten:

Wir können sie beantworten, indem wir die Füße stillhalten, möglichst alles so machen wie vor der Krise und hoffen, dass alles nochmal gut geht. Hoffen, dass die Verschiebung der Exklusivitäten, der Auswertungsfenster und Geschäftsmodelle, die sich derzeit im US-Markt abzeichnet, einen Bogen um uns macht. Hoffen, dass es keine zweite Corona-Welle gibt. Hoffen, dass endlich mal weniger Filme produziert und herausgebracht werden. Hoffen, dass die Kinos flexibler programmieren können.

Es gibt aber noch eine andere Antwort. Eine Antwort, die nicht nur auf das Prinzip Hoffnung setzt, sondern auf das Prinzip:

Progress before perfection

Die digitale Welt hat diese Antwort verinnerlicht, und jede Software und jedes moderne Industrieprodukt basiert auf diesem Ansatz. Kein Auto, das neu auf den Markt kommt, ist fertig entwickelt. Kein Computer, der neu auf den Markt kommt, ist fertig entwickelt und auch keine SVOD-Plattform - weder technisch noch in den Geschäftsmodellen. Agilität und Entwicklungsbereitschaft sind möglicherweise die am meisten unterschätzen Wettbewerbsvorteile der Streamer.

Auch digitale Modelle für die Kinowirtschaft müssen nicht zur Stunde ihrer Geburt bereits perfekt sein. Die Känguru-Chroniken bei Amazon Prime, Systemsprenger auf CVOD.de, Kino on Demand oder der digitale Release von Fynn Kliemanns Doku 100.000 - Alles was ich nie wollte durch die notsold GmbH - jedes Experiment bringt neue Erkenntnisse, hilft beim "Nachschärfen" und Verstehen.

Einzelne Solidaritätsaktionen, "Ablassmodelle", Spendenkampagnen oder Crowdfunder waren als akute Maßnahmen wichtig und Balsam für die Seele der Kinos, sie sind aber keine Basis für zukünftige Geschäftsmodelle. Wichtig ist: Neue Modelle und Prototypen dürfen nicht nur ausnahmsweise geduldet werden, sondern müssen systemisch gewollt sein. Wir brauchen für diese neuen Modelle Denkräume und Spielflächen, damit die Kino- und Filmbranche kreativ wie wirtschaftlich nicht auf der Stelle tritt. Es ist absehbar, dass einer der größten Player im deutschen und europäischen Kinomarkt, die öffentliche Hand, über Jahre hinweg kaum substanziell wachsen können wird. Steuer- und Gebühreneinnahmen werden massiv sinken. In Hamburg werden dies nach aktuellen Schätzungen in den nächsten vier Jahren fast fünf Mrd. Euro sein, woanders sieht es nicht besser aus. Die Erschließung neuer Publikumsschichten und Rückflussströme ist daher kein "nice to have", sondern eine Lebensversicherung.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich sehe Kinofilme am liebsten auf der großen Leinwand. Das kollektive Erlebnis und die Möglichkeit, sich ganz und gar auf ein Thema, eine Geschichte einzulassen, funktionieren nirgendwo sonst auf so einmalige Art und Weise. Das Kino ist der Transitraum zwischen Realität und Traum. Zu sehen, dass dieser Raum ums Überleben kämpft, ist nicht leicht. In gewisser Weise ist es daher purer cineastischer Eigennutz, hier eine Lanze dafür zu brechen, dass sich "das Kino" ein neues Mindset zulegt. Ich wünsche mir bedeutend mehr digitalen Ehrgeiz, damit ich noch möglichst lange in mein Lieblingskino um die Ecke gehen kann.

Die Kinobranche wird dank der staatlichen Hilfsprogramme und ihrer eigenen Reserven den Lockdown und die Folgen hoffentlich einigermaßen glimpflich überstehen. Einen zweiten März 2020 können wir uns nicht leisten. Anzunehmen, dass Corona einfach hinter uns liegt, dass hoffentlich kein zweiter Lockdown kommt, ist fahrlässig. Bewegungslosigkeit ist daher momentan die größte Gefahr für die Zukunft der Kinos. Jetzt ist die Zeit, sich systemisch zu rüsten. Jetzt ist die Zeit, das Kino als Raum der Möglichkeiten zu gestalten, der auch ins Digitale reicht und von dem auch die Kinos profitieren. Mit planbaren Modellen und nicht auf Spendenbasis. Progress before perfection.

Mitschnitt Online-Panel

Jasper Ehrich
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