Regisseur Faraz Shariat in einer ruhigen Minute am Set von "Futur Drei"
20.02.2020 | "Futur Drei" im Panorama der Berlinale

Ich bin viele Dinge

Am 23. Februar feierte der Film „Futur Drei" des Nachwuchsregisseurs Faraz Shariat seine Premiere bei der 70. Berlinale, der im vergangenen Jahr bereits mit dem First Steps Award ausgezeichnet wurde. Mit seinem Filmkollektiv "Jünglinge" setzt er sich für eine queere, feministische und antirassistische Agenda im Filmgeschäft ein.

„Ich bin viele Dinge". Ein Satz, den Protagonist Parvis im Film „Futur Drei" leicht verträumt auf dem Dach eines Hochhauses zu seinen Freunden sagt. Ein Satz, den Regisseur und Drehbuchautor Faraz Shariat bei einem Interview im Januar 2020 nochmal wiederholt. Vor wenigen Monaten hat er mit seinem Kinodebüt „Futur Drei" den First Steps Award in der Kategorie „Abendfüllender Spielfilm" gewonnen. Außerdem gab es den Götz George-Nachwuchspreis für die drei Hauptdarsteller des Films. Ein bemerkenswerter Start für einen Newcomer Mitte 20, der in der Vergangenheit hauptsächlich Musikvideos und Werbeclips gedreht hat. Und jetzt das: Im Februar wird der queere Coming-of-Age Film seine Weltpremiere bei der Berlinale feiern. Ein wilder Ritt, den der gebürtige Kölner noch gar nicht so richtig fassen kann: „Ich hatte morgens nach dem Aufwachen eine Nachricht von Michael Stütz auf dem Handy, der die Sektion "Panorama" bei der Berlinale leitet. Er schrieb, wir sind dabei. Ich bin komplett ausgerastet und konnte es gar nicht glauben. "Futur Drei" ist mein erster Film. Wir hatten zwar immer gehofft, ihn auf der Berlinale platzieren zu können – aber dass es jetzt auch so gekommen ist, ist Wahnsinn."

Auf dem Weg zur nächsten Party: Hauptdarsteller Benjamin Radjaipour (r.) und Darstellerin Maryam Zaree

Geschrieben hat Faraz das Drehbuch gemeinsam mit Paulina Lorenz. Die beiden lernten sich beim gemeinsamen Studium in Hildesheim kennen und entschieden sich kurzerhand, mit "Jünglinge" ihre eigene Produktionsfirma zu gründen. Die dritte im Bunde ist Raquel Molt, die für "Futur Drei" unter anderem fürs Casting verantwortlich war. Die Drei verstehen sich als Kollektiv, in dem ein Großteil der Aufgaben untereinander aufgeteilt wird. So entwickelt sie die Geschichten für ihre Projekte oftmals zusammen. Ein Weg, der zu schnelleren und besseren Ergebnissen führt. Auch Produzententätigkeiten werden aufgeteilt. Im Zentrum des Kollektivs steht eine queere, feministische und antirassistische Agenda: „Wir wollen im Filmgeschäft Räume für Menschen schaffen, die sich in diesem Bereich bewegen. Denn es bringt nichts, Geschichten über queere oder antirassistische Themen zu erzählen, ohne eben diese Menschen an den Filmprojekten zu beteiligen", sagt Faraz. Klingt einleuchtend, ist aber leider bei weitem keine Selbstverständlichkeit. Und so schicken die "Jünglinge" sich an, bestehende Produktionsprozesse und redaktionelle Arbeiten zu hinterfragen und ihren Namen ins Spiel zu bringen.

Musik und Partyleben spielen eine wichtige Rolle im Film
Spielen im Film das Geschwisterpaar Banafshe und Amon: Banafshe Hourmazdi und Eidin Jalali

Für "Futur Drei" hat Faraz sich jedoch neben seinen Uni-Freundinnen noch weitere Hilfe aus den eigenen Reihen mit ins Boot geholt. Wer seinen Dokumentarfilm „Ich bin eurer Sohn" kennt, hat zwei Gesichter bestimmt wiedererkannt: Die seiner beiden Eltern. Während der Uni habe er notgedrungen mit ihnen zusammengearbeitet – mittlerweile weiß er ihren Support jedoch sehr zu schätzen: „Sie spielen wirklich gut und haben mich während des Drehs auch emotional unterstützt. Die beiden haben am Set eine elterliche Wärme verströmt, und zwar nicht nur für mich, sondern für das gesamte Team. Ich finde es toll mit den beiden Erfahrungen zu sammeln, die außerhalb des normalen Familienkonstrukts stattfinden." Wer Faraz Eltern nicht erkannt hat, dürfte hingegen bei einem weiteren Darsteller ein kleines Aha-Erlebnis gehabt haben. Niemand geringeres als Jürgen Vogel ist Teil des Casts. Wie kam's dazu? Der prominente Schauspieler ist ein Freund des Vaters von Raquel Molt. „Man muss sich mit seinem Erstlingswerk gegenüber vielen Menschen behaupten. Da hilft es, einem Namen wie Jürgen Vogel mit dabei zu haben", verrät Faraz.

Halfen vor und hinter der Kamera: Die Eltern von Faraz Shariat

Die eigentlichen Stars des Films sind jedoch die drei Hauptdarsteller Banafshe Hourmazdi, Eidin Jalali und Benjamin Radjaipour. Der Weg, bis man die drei Darsteller beisammen hatte, war länger als gedacht. Anfang 2016 startete die Arbeit an "Futur Drei" – und kurze Zeit später begann der Casting-Prozess, der sich über Deutschland, Österreich und die Schweiz erstreckte. Das Kollektiv war auf der Suche nach Iranern, die in erster oder zweiter Generation in Deutschland leben. Es gab viele Interviews über Meinungen und Haltungen, die in den Film mit eingeflossen sind. „Benjamin war bereits sehr früh an Bord und wir hatten viele Gespräche", erinnert sich Faraz. „Es war uns wichtig, dass es bei den Darstellern biografische Ankerpunkte gab, sie also queere Erfahrungen und Erfahrungen mit Rassismus hatten, um ihre Figuren zu unterfüttern."

Über den Film

Der Regisseur Faraz Shariat nimmt uns in "Futur Drei" mit in die Welt von Parvis, dessen Leben sich um Popkultur, queere Dates und Raves dreht. Durch die geflüchteten Geschwister Banafshe und Amon entdeckt der Deutsch-Iraner seine Vergangenheit neu. Ein feinfühliger Film über die erste Liebe und das Leben als Migrant in Deutschland. Koproduzent ist Dirk Manthey aus Hamburg

Die Dreharbeiten fanden in Hildesheim und Hannover statt.

Doch am Ende des Tages ist "Futur Drei" zum Großteil die biografische Geschichte des Regisseurs selbst. Wenn er bei Filmförderungen oder Produzenten vorgesprochen hat, hat er seine eigene Geschichte gepitscht, hat viel von dem erlebt, dass auch im Film thematisiert wird – bis hin zu den Sozialstunden, die Protagonist Parvis am Anfang des Films in einer Flüchtlingsunterkunft leisten muss, was die Story des Film ins Rollen bringen. „Ich musste mich für den Film viel mit der Frage nach Identität auseinandersetzen, wer ich bin und was ich will. Ich möchte mich jedoch von statischen Formulierungen wegbewegen – hin zu einem fließenden Bild vom Sein. Denn ich glaube, ich bin viele Dinge", sagt Faraz. Das glauben wir auch – und sind schon gespannt, welche Filme uns noch in den nächsten Jahren erwarten.

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